Das Fagott - eine Schönheit mit Imageproblem
07.01.12
aus den Lübecker Nachrichten vom 07.01.2012
Die Landesmusikräte Schleswig-Holstein und Berlin ernennen das Fagott zum "Instrument des Jahres 2012“. Der Lübecker Solofagottist Jakob Meyers freut sich.
Von Hanno Kabel
Lübeck - Das Fagott hat ein Imageproblem.
Das Waldhorn klingt warm und weich, die Klarinette schmeichelt, das Cello singt - aber was tut ein Fagott? Mit diesem Instrument sind kaum Mythen verbunden, und es hat keine populären Solisten hervorgebracht. Der Deutsche Klaus Thunemann mag der renommierteste Fagottist der Welt sein- ein Star ist er nur in der Fagottistenszene. Er hat zugegriffen, als die Landesmusikräte von Schleswig-Holstein und Berlin ihn baten, die Schirmherrschaft über die Aktion "Instrument des Jahres“ für 2012 zu übernehmen (siehe unten), Thunemann selbst beschrieb gestern bei der Vorstellung des Programms das Imageproblem: „,Der Fagottist gilt oft als Komiker des Orchesters, als Grobian, der im Hintergrund grummelt. "
Das Fagott stehe niemals im Rampenlicht wie die Flöte oder Oboe. ,,Es trumpft nie auf, sondern überzeugt friedlich."
Auch Jakob Meyers (36), Solofagottist der Lübecker Philharmoniker, freut sich über die Gelegenheit, für sein Instrument zu werben.
Er hat gar nichts dagegen, dass dem Fagott in der Musik oft eine humoristische Rolle zugedacht ist. In den höheren Lagen, sagt er sei das Fagott aber auch ein sehr lyrisches Instrument. Die zarten, gesanglichen Passagen, die liebt er am meisten- zum Beispiel in Mozart-Opern. ,,Die Passagen, in denen man schwelgen kann", sagt er, „wo man sein Vibrato einsetzen kann.“ Umso mehr schmerzt es ihn, dass ausgerechnet aus der Romantik für das Fagott fast keine Solo- und nur wenig Kammermusikliteratur gibt -von Schubert nur das Oktett, von Weber ein Konzert, nichts von Schumann, nichts von Brahms. Für das 18. Jahrhundert sieht es besser aus: Antonio Vivaldi schrieb 39 Fagottkonzerte, und Mozart werden die Fagottisten für das eine Solokonzert, das er schrieb, wohl bis in alle Ewigkeit dankbar sein. Unentbehrlich ist das Fagott im klassischen Holzbläserquintett, das im 20. Jahrhundert eine neue Blüte erlebte- und natürlich im Orchester.
Fast kein Komponist von Opern und Sinfonien hat je auf die Klangfarbe des Fagotts, verzichtet Es gibt einige große Soli- das berühmteste eröffnet lgor Strawinskys Ballettmusik ,,Le sacre du printemps".
Den idealen Fagottklang beschreibt Jakob Meyers als ,,sonor, wie eine schöne Baritonstimme, voll und rund". Um diesen Klang
zu erzeugen, ist viel Arbeit nötig: Ein nicht geringer Teil davon ist das Handwerk, das die Fagottisten "Rohre bauen“ nennen - die Herstellung ihrer Mundstücke. Einmal träumte Jakob Meyers, er gehe auf die Bühne, und die seine Rohre seien kaputt. Kein spielbares Rohr zu haben, das ist der Albtraum jedes Fagottisten. Zwei aufeinander liegende Stücke Schilfrohr sind das, was er zum Schwingen bringt, und diese Schwingung überträgt sich auf eine, je nach Tonhöhe bis zu 2,55 Meter lange Luftsäule. Fast jeden Tag hobelt und schneidet Jakob Meyers an seinen Rohren. „Man muss erst einen Waschkorb voll davon bauen, bevor man es wirklich kann", sagt er. Das Holz bezieht er aus Frankreich und Italien und bearbeitet es mit einem ganzen Arsenal von Spezialwerkzeugen. Immer wieder muss er daran herumhobeln, es in Wasser einweichen und trocknen, es ausprobieren und korrigieren, bevor er schließlich! ein Mundstück hat, das er ein paar Wochen lang spielen kann. „Am Anfang des Berufslebens hat mich das mehr als alles andere gestresst", sagt Meyers. „Da habe ich auch Rohre zugekauft, denn im Orchestermuss es einfach immer funktionieren.“
Die Probe beginnt in wenigen Minuten. Im Orchestergraben holt Meyers das Fagott aus seinem Kasten und setzt es zusammen. Stiefel, Flügel, Basstange, Schallstück, alles aus fein poliertem kanadischem Bergahorn, und dem metallischen S-Bogen, und nimmt seinen Platz ein, ganz hinten links im Orchester.

